Das Berliner Kindl
True Grit (USA, 2010)
Regie: Ethan & Joel Coen
Was soll man davon halten, wenn in der Programmankündigung mehr über die Autoren des Werkes, als über die Geschichte des verfilmten Stoffes berichtet wird? Nun, es hilft in diesem Falle auf die Gründe besagten Umstandes einzugehen. Denn wenn man bedenkt, dass die Coen-Brüder nun schon beinahe jedes Genre mit Ihrer Gunst betraut haben und das mit einiger Raffinesse und Erfolg, ist es wenig verwunderlich, dass trotz der Verschiedenheit der Stoffe, jeder Film in die Tradition des Nächsten gestellt wird. Und da sich bisher beinahe jedes dieser Werke anmaßte, ein Klassiker zu werden, scheint die Erwartungshaltung klar und im Grunde schon fast erfüllt noch ehe die ersten Meter über die Leinwand laufen.
In True Grit stehen die Vorzeichen gerade auch deshalb gut, da auf einige bewährte Mittel zurückgegriffen wurde. Da ist zum einen Jeff Bridges, der bereits vor einigen Jahren als Dude in den Kinosälen der Berlinale sein Unwesen trieb. Er spielt denn raubeinigen Marshall Rooster Cogburn. An seiner Seite steht Hailee Steinfeld. Sie verkörpert die vierzehnjährige Mattie, die Rache für den Mord an ihrem Vater nehmen möchte. Damit ist die Geschichte praktisch erzählt. Der vermeintlich simple Plot wartet jedoch mit einigen Überraschungen auf. Bei der Jagd auf den Mörder operiert die kleine Mattie durchaus keck und vorlaut. Starke und dazu noch so junge Frauen sind untypisch für den Western, der doch sonst mit kühnen, coltschwingenden, aber vor allen Dingen männlichen Protagonisten besetzt wird. Das stört jedoch wenig. Allein die rotzfreche Art der kleinen Rächerin qualifiziert den Film für die Berlinale. Wo in der U-Bahn die Ansage der Schaffnerin: Ick bleeb hier so lange steehn bis je sich naus jeschoben haben, junge Frau.", zum Morgengruß durch den Bahnhof hallt, hat die vorlaute und entlarvende Nervensäge auf jeden Fall schon die ersten Freunde in der Bundeshauptstadt gewonnen. Wer weiß, wie es in Hamburg oder München gewesen wäre.
Zu der Kunst der Coens gehört es das herauszufordern, dass das Publikum am wenigsten erwartet. Denn der Film strotzt vor unerwarteten Wendungen, die die abgedroschene Westerngeschichte zu neuem Leben erweckt. Besonders hilfreich sind die vielen schroffen und eigenartigen Charaktere. Allein Jeff Bridges bietet hier schon genug Stoff um ganze Bände zu füllen. Er ist alles andere als der Gute Typ, der heldenhaft und selbstlos einem kleinen Mädchen hilft ihren Papa zu rächen. Er ist Trinker und im Zweifelsfall lässt er lieber den Colt sprechen. Er und die anderen kaputten Antihelden bieten das notwendige Gegengewicht zu Hailee Steinfeld und allein das zeigt schon, wie außergewöhnlich das Mädchen in Ihrer Rolle agiert. Das Genre wird durch True Grit definitiv bereichert und erhält mit der kleinen Mattie eine würdige Vertreterin für starke Frauen im Western.
Das Mädchen, welches auch im 21. Jahrhundert beim Schrippen essen und Kindl trinken in der Ostkurve ein gern gesehener Gast in der Hauptstadt wäre, steht ein beträchtlicher Teil dieses Erfolges zu. Ach und Matt Damon ist auch dabei.