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Die kleinen Ladenmädchen gehen noch immer ins Kino.
Les femmes du 6ème étage (Frankreich, 2010)
Regie: Philippe Le Guay
 
Eine junge, spanische Emigrantin, hübsch, gewissenhaft, hörig aber nicht unterwürfig, übernimmt eine Stelle als Haushälterin in einem Pariser Nobelviertel der 60er Jahre. Ihr Arbeitgeber, ein Bankier, wohlhabend und routiniert, aber ohne Abwechslung im Leben findet Gefallen an ihr. Er interessiert sich zunehmend für das Schicksal der Haushälterinnen, die in seinem Haus in der obersten Etage in ärmlichen Verhältnissen hausen und ist schockiert von deren Lebensumständen. Eine neue Toilette muss her. Die Frauen danken es ihm. Ein Ausflug mit Picknick. Die Frauen danken es dem Herren. Eine Bankberatung um die Ersparnisse gewinnbringend anzulegen. Die Frauen danken es dem gütigen Herren.
Quasi im Gegenzug offenbart sich dem Bankier die vermeintliche Leichtigkeit eines fast besitzlosen Lebens. Der hochwohlgeborene Herr hat ein Herz. Herr Kracauer hätte wohl seine helle Freude an dieser Kontinuität. Denn viele seiner bereits während der ersten Blütezeit des Kinos beschriebenen Standardmotive im Film finden sich in dem Stoff von "Les femmes du 6ème étage" wieder. Nicht nur dass der Film eine klassische Ständeordnung romantisiert, er spielt auch in der nach Kracauers Meinung für den Zuschauer gefälligeren Vergangenheit. Aktuelle Missstände der französischen Gesellschaft geraten darüber in Vergessenheit bzw. werden im Vergleich mit Zuständen vor fünfzig Jahren nicht so eng gesehen. Aber: Wenngleich auch die Darstellung naiv erscheint und zeitweise unter gegenwärtigen Standpunkten diskriminierend und herablassend wirkt, erkennt wohl nur der (die) bornierteste Klassenkämpfer(-in) in "Les femmes du 6ème étage" den glasklaren, reaktionären Blendungsversuch eines (einer) gewinnorientierten Großkapitalisten (Großkapitalistin).
Zu guter Letzt soll das alles nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um einen visuell liebevoll inszenierten Film handelt, der was Schauspiel und Szenebild angeht, keine Wünsche bezüglich eines seichten, abendfüllenden Kinofilms offen lässt.
Die kleinen Ladenmädchen (-jungen) wurden anständig unterhalten, schon bald aber haben sie das Gesehene wieder vergessen.
 
Quellen
"Das Goldene Herz", Essay aus der Serie "Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino" (Siegfrid Kracauer, 1928) in Ders., Das Ornament der Masse. Essays. Frankfurt/Main, 1977, S.279-294 auf www.filmportal.de)

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