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Kopfkino

Es war gegen Ende einer der Berlinale-Kurzfilmblöcke als mein bis dahin schläfriges Gemüt unerwartet durch etwas Warmweiches an meiner Schulter in ungeahnte Wachsamkeit versetzt wurde. Bei dem warmen, weichen, aber vor allen Dingen haarigem handelte es sich um den Kopf meiner unbekannten Nachbarin. Sie ist erst kurz vor Beginn der Vorstellung in den fast vollen Saal gestürmt und musste auf der Suche nach einem der letzten verbliebenen Plätze viele Jackenliebhaber fragen, ob die Plätze die bisher lediglich mit Textilien unterschiedlichster Gattung belegt waren, nicht vielleicht auch einen Menschen beherbergen könnten. Gleich neben mir wurde sie schließlich fündig.
Nun schläft sie. Von was mag sie wohl träumen? Vielleicht wird sie sich später fragen, ob sich die Hatz zum Kinosaal, das viele Fragen nach einem Platz und Aufscheuchen der Sitzenden gelohnt hat. Wäre sie nicht möglicherweise im eigenen Bett besser aufgehoben? Stattdessen neigt sie nun geistig umnächtigt von Müdigkeit ihren Kopf an die Schulter eines Fremden. Ich möchte sie nicht wecken, auch wenn mein Bein mit zunehmender Taubheit einen Positionswechsel fordert. Nicht einmal meinen Kopf kann ich wenden. So fixiert werde auch ich langsam müde.
Meine Lider werden schwer. Stück für Stück neigen sie sich zur unvermeidlichen Zusammenkunft. Sie versperren mir die Sicht. Dunkel legt sich über alles Licht. Welcher Film läuft eigentlich gerade?
Behutsam dämmere ich hinüber in eine andere Welt. In dieser Welt haben Kinosäale nur einen Sitz. Der Eintritt ist frei. Filme die hier produziert werden, brauchen keine Förderung und keinen Finanzierungsplan. Die Frage nach Sinn oder Unsinn einer Geschichte wird nicht gestellt. Schöpfer und Zielgruppe sind identisch. In dieser Welt sind Dreharbeiten unkompliziert. Das Material, Arbeitskraft und Zeit unbegrenzt. Niemand verlangt nach Verpflegung. Keiner fragt nach Arbeitsschluss. Die Besetzung ist immer perfekt. Die Ausstattung immer passend. Keine Szene muss wiederholt werden. Das ist ein fabelhafter Ort. Ein Ort, an dem ein Film im Moment der Entstehung Premiere feiert. Liebe Traumwelt, nimm mich hin, das Diesseits vermag mich nicht gut zu unterhalten.
Ich wache auf. Ich bin im Sitz nach unten in eine noch ungemütlichere Position gerutscht. Der Kopf meiner Nachbarin wiegt schwer. Vielleicht läuft gerade der Abspann ihres Filmes. Von was er wohl handeln mag?
Als am Ende das Licht angeht und der Saal sich langsam leert, bleibe ich noch einen Moment in der Hoffnung sitzen, dass mein Schultergast sanft von allein erwacht. Doch erst als die Ränge schon fast leer waren, spüre ich, wie das Gewicht auf meiner linken Seite leichter wird. Mit getrübtem Blick mustert die Kinoträumerin ihre Umgebung. Ihre Augen wandern über den zugezogenen Vorhang und die leeren Sitzplätze vor ihr, bis er auf mich fällt. Sie schreckt zurück. "Aha!", denke ich mir, sie hat blaue Augen.
 

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