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Alptraum Traumfabrik
Den Film den ich nicht sah
 
Auf der Berlinale werden Jahr für Jahr mehr als 400 Filme unterschiedlichster Form und Genres gezeigt. Sie werden auf Leinwänden kleiner wie großer Kinos im gesamten Stadtgebiet Berlins gezeigt. Nach Angaben der Festivalleitung werden über 300.000 Tickets verkauft und 19.000 Fachbesucher beehren die Vorführungen, Pressekonferenzen, Workshops, Vorträge und Partys. Und nicht einer ist unter ihnen, der von sich behaupten kann, jeden der 400 Beiträge gesehen zu haben.
Die Geschichte eines Filmfestivals dieser Größenordnung ist immer auch die Geschichte des Filmes, den man nicht gesehen hat. Denn irgendwo zwischen Kaffee, Regiegespräch und Programmauswahl geht stets auch ein verstecktes Juwel verloren, bleibt irgendwo in einem der Kinosäle ein Platz frei, der besser hätte besetzt sein sollen.
Ein Tag auf der Berlinale gleicht einem Besuch auf dem Rummelplatz. Ein jeder der Schausteller, Gaukler und Verkäufer wirbt mit einer eigenen Attraktion. Es geht um die Gunst des Zuschauers. An einigen Ständen geht man achtlos vorbei. Die Titel die sie tragen, wiegen nicht schwer genug um die Aufmerksamkeit des Vergnügungssüchtigen zu erhaschen. An wieder anderen Ständen verweilt man einen kurzen Moment, geht dann aber schnell weiter, noch ehe der Verkäufer ein Angebot offerieren kann. Dann gibt es noch die ganz großen Attraktionen, an denen keiner vorbeikommt. Meistens sind das jene Stände, die am lautesten und auffälligsten angepriesen werden. Sie haben bereits eine gewisse Tradition und somit einen Ruf zu verteidigen. Ein Riesenrad beispielsweise. Diese Fahrgeschäfte laufen den ganzen Tag und bieten mehrere Termine zur Teilnahme. Man hat schon viel von ihnen gehört und ein Großteil der Zuschauer sehen einen Besuch der angepriesenen Veranstaltungen als unbedingtes Muss, sofern der Tag auf dem Jahrmarkt ein Erfolg werden soll.
Die kleinen Stände am Rand stehen meist im Schatten dieses Pomps. Sie scheinen unwichtig, auch wenn sie die gleichen Bürden überwunden haben, um auf dem Gelände ausstellen zu dürfen. Oft erfährt man nur aus Zufall von ihnen, aber häufig ist es dann auch bereits zu spät.
Damit steht ein Festival exemplarisch für den gesamten Filmmarkt. Über die gesamte Welt verteilt, arbeiteten Filmschaffende daran, aus zarten Samen stolze und populäre Filme zu ziehen. Einige schaffen es, aber viele verwelken noch vor der ersten Blüte. Und das obwohl meist so viel Leidenschaft und Tatkraft in den Projekten steckt und alle Beteiligten ihr Bestes gaben. Gelegentlich gehen sie dabei gar über die Grenzen der Belastbarkeit und des geltenden Rechts hinaus, wie die Podiumsdiskussion "Alptraum Traumfabrik" im Begleitprogramm der Berlinale mit Nachdruck anmahnt. Die fachkundigen Gäste kritisierten die Tendenz zu immer günstigeren Produktionen. Um Geld zu sparen, werden oft ganze Drehtage gestrichen, Gagen gekürzt oder die tägliche Drehzeit von zehn Stunden überschritten. Erst kürzlich ist ein Produktionsleiter zu drei Jahren Berufsverbot verurteilt worden, weil er Stundenzettel mit einer Arbeitszeit von 16 Stunden absegnete. Der "Filmjahrmarkt" ist heute wie damals erbarmungslos. Er folgt dabei aber nicht allein den Gepflogenheiten der Branche, sondern insbesondere auch den Eigenarten des Publikums.

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